Herr Botschafter, Ungarn war doch seit der Staatsgründung ein europazentriertes Land. Staatsgründer König Stephan erbat die Krone nicht von irgendeinem damaligen Herrscher, sondern von dem geistigen Oberhaupt der zeitgenössischen europäischen Einigungsmacht, dem Christentum, von Papst Silvester II. In der neueren Zeit hat der große Ungar Graf István Széchenyi enge Beziehungen mit England gepflegt. Der englische Baumeister Adam Clark baute die berühmte Kettenbrücke in Budapest. Einer der prominentesten ungarischen Dichter, Endre Ady schwärmte für Paris. Die Reformation brachte ungarische Studenten nach Ungarn, die in Deutschland und der Schweiz studierten. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie war eine Art „Europäische Union“. Nur um einige Beispiele zu nennen. Was sind die Gründe für die heutigen Spannungen und Missverständnisse mit der Europäischen Union, konkret mit Brüssel?

 

Ungarn will keine von der EU zugewiesenen Migranten haben. Herr Ministerpräsident Viktor Orbán betont, Ungarn will kein “Mischvolk“ werden. Sind die Ungarn fremdenfeindlich?

 

Nein, überhaupt nicht, das ist eine reine Unterstellung.  Wir sind zwar kritisch gegenüber einigen Maßnahmen der Europäischen Kommission, das bedeutet aber nicht, dass wir europafeindlich wären. Laut Meinungsumfragen, unterstützt 70-80% der ungarischen Bevölkerung die EU Mitgliedschaft. Wir sind überhaupt nicht fremdenfeindlich, alle die nach Ungarn eingeladen worden sind, sind bei uns herzlich willkommen. Nur diejenigen, die illegal nach Ungarn kommen, werden nicht willkommen geheißen. Ich rede nicht von Flüchtlingen, denen der Asylstatus zusteht, sondern von illegalen Migranten, die durch Umgehen der Regeln nach West-Europa kommen wollen. Es ist nicht Brüssel, sondern nur die Ungarn, die bestimmen können, mit wem sie zusammenleben wollen. Es geht um das Prinzip, und nicht um die Zahlen, wie viel Migranten man aufnehmen will. Das sollte allein unsere eigene Entscheidung sein und wir möchten, wenn es auch akzeptiert würde.

 

Unter den angeblichen Hintergrundakteuren der Brüsseler „Zuwanderungspartei“ wie Orbán sagt, stünde vor allem der international tätige ungarisch-amerikanische Finanzspekulant George Soros. Manche halten diese Behauptung für eine Verschwörungstheorie. Was sagen Sie dazu?

 

George Soros weiß Bescheid, wie man Geld bewegt, hinter der Philanthropie stecken finanzielle Interessen, um Einfluss zu gewinnen. Er spekulierte nicht nur gegen die britische sondern auch gegen die ungarische Devise, dem Forint. Das ist nicht korrekt. Er appelliert für eine offene Gesellschaft. Keine National Staaten, eine globale Gesellschaft.  Wir möchten nicht in einer solchen Welt leben. Wir glauben hingegen fest daran, dass Nationalstaaten durch ihre Vergangenheit, Kultur und Geschichte dazu geworden sind, was sie heute sind. Die EU wird über starke Mitgliedstaaten stark sein. Das ist der richtige Weg. Georg Soros schlug vor: „Die EU solle jährlich eine Million Flüchtlinge aufnehmen, das Asylsystem sowie die Grenzkontrollen vereinheitlichen, legale Migrationsrouten schaffen und zusätzliche Mittel zur Integration bereitstellen- Seine Politik ist uns auch nicht sympathisch.

 

In diesem Zusammenhang taucht auch die Frage, bzw. der Vorwurf auf, Ungarn, vor allem die Regierung, seien Antisemiten.

 

Das muss ich auch als ehemaliger Botschafter in Israel zurückweisen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe 5 Jahre in Israel verbracht. Die Antisemitismus-Karte wird gegenüber meinem Heimatland oft ausgespielt. Nachdem Benjamin Netanjahu, als erster amtierender Ministerpräsident, Viktor Orbán offiziell aufgesucht hat, ist dieses Argument nicht mehr gültig. Der amtierende israelische Ministerpräsident darf nämlich ein Land mit Antisemitismus-Vorwürfen offiziell nicht besuchen. Die lokale jüdische Gemeinde würde es verhindern. Aktuell sind die Beziehungen zwischen Ungarn und Israel hervorragend. Ich bin stolz darauf, dass ich einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte.

Die Orbán Regierung hält an der Null Toleranz gegen Antisemitismus fest. Die ungarische Regierung proklamiert nicht nur die Nulltoleranz, sondern hat auch die Leugnung des Holocaust in das Strafgesetzbuch aufgenommen, einen Gedenktag für die Opfer des Holocaust eingeführt sowie die europäischen Maccabi-Spiele erfolgreich organisiert. Die viertgrößte jüdische Gemeinschaft Europas lebt in Budapest in noch größerem Frieden und größerer Sicherheit als irgendwo sonst in Europa. Die Gründung einer Organisation zur Bekämpfung des Antisemitismus in Europa kommt auch aus Ungarn: „APLE“ wird nach der gleichen Methode arbeiten wie die ungarische „Handlung und Verteidigung Stiftung“. (Tett és Védelem Alapítvány). Diese ist seit ihrer Gründung (2012) erfolgreich und hat auch Niederlassungen in ganz Europa. Würden Sie Ungarn immer noch als antisemitisch bezeichnen?

 

 

Ungarn hat auch eine relativ starke Roma- und Sinti-Minderheit. Sie führten im Land stets die Armutsliste an. Sie galten niemals als in die normale (mehrheitliche) Gesellschaft integrierte Menschen, was das Verhältnis zur Arbeit und Kriminalität anbelangt. Etwas besser Gestellte verdienten ihr Geld mit Musik. Angeblich hat sich an dieser Situation nichts geändert. Ungarn wird deshalb ein ausgeprägter „Zigeuner“-Hass unterstellt.

 

Das ist nicht richtig. 600 000 Roma und Sinti leben in Ungarn, welches 10 Millionen Einwohner hat. Diese Minderheit war eine der größten Verlierer der Wende damals 1990. Viele haben nämlich ihren Job nach der Schließung der sozialistischen Großindustrie verloren. Eine enorme Herausforderung mit extrem hoher Arbeitslosigkeit.  Als Abgeordneter habe ich die Möglichkeit bekommen, für ein paar Jahre in einer Gegend zu leben, wo auch viele Roma-familien ihren Alltag verbringen. Ich habe hautnah erlebt, was für Probleme diese Familien haben, mit welchen gesellschaftlichen Herausforderungen die Romas konfrontiert sind, und sehr viele Familien befinden sich immer noch unter der Armutsgrenze. Das versucht die Regierung zu ändern und versucht diese Familien zu unterstützen, nicht durch Beihilfe, sondern mit Arbeit. Oft fehlt aber leider der Wille seitens der Minderheit. Wir glauben weiterhin an ein Ungarn, das ein sicheres Zuhause für alle Ungarn ist und jedem die Möglichkeit gibt, ein gutes Leben zu führen. Wir tolerieren keine Stigmatisierung nach Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit, aber es darf auch keinen Vorteil oder Privileg bedeuten.

 

 

Die Regierung gehe auch mit den Obdachlosen unbarmherzig um, heißt ein anderer Vorwurf. Stimmt das?

 

Nein. In Budapest befindet sich eine der größten sozialen Einrichtungen Mitteleuropas, das Budapest Methodological Social Center and Institutions, die wichtigste Obdachlosenorganisation der Hauptstadt. Die Regierung hat vor Jahren ein öffentliches Beschäftigungsprogramm ins Leben gerufen, das auch dieses Jahr fortgesetzt wird, um die soziale Integration der Obdachlosen zu unterstützen. In den letzten ca.5 Jahren haben an dem Programm etwa viertausend Menschen teilgenommen. Unsere Regierung glaubt daran, dass eines der wichtigsten Ziele der Obdachlosenpflege die Hilfe für Bedürftige ist, durch Arbeit zum aktiven Leben zurückzukehren. Das Programm, für das die Regierung fast sieben Milliarden Forint ausgegeben hatte, hat in den letzten fünf Jahren zahlreiche Bedürftige erreicht. In den letzten drei Jahren konnte 1.200 der rund 2.000 Obdachlosen Arbeit verschafft werden, und 20 bis 22 Prozent von ihnen hat Arbeit auf dem primären Arbeitsmarkt gefunden. Diejenigen, die sagen, dass jeder das Recht haben sollte, auf der Straße zu leben, helfen den Obdachlosen überhaupt nicht.  Diese Leute schlagen keine humane Lösung vor, weil so der Betroffene nicht aus der Obdachlosigkeit ausbrechen kann. Deswegen glaubt die Regierung an Errichtungen von Obdachlosenunterkünften und die Reintegrationsprogramme, die den Obdachlosen dabei helfen, den Weg zurück zur Normalität zu finden. An diesen Unterkünften erhalten Obdachlose nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern beispielsweise auch medizinische Versorgung, um ihnen zu helfen, in ein Dienstverhältnis zu gelangen.

 

 

 

Von der Opposition wird der Regierung auch Korruption vorgeworfen. Orbán betreibe eine Art Nepotismus, sprich: Bevorzugung von Freunden und Nahestehenden. Als Paradebeispiel wird immer wieder der Bürgermeister von Felcsút, - Heimat des Ministerpräsidenten,- Herr Mészáros genannt, der es zum steinreichen Oligarchen brachte.

 

Das ist wieder die alte Spieltaktik. Wenn jemand einen Ministerpräsidenten stürzen will, der schon 3 Mal mit Zweidrittelmehrheit wiedergewählt wurde, spielt man zwei Karten aus. Das Sex-Skandale  oder  Korruption. Orbán hat 5 Kinder und lebt immer noch mit

seiner Ehefrau in einer glücklichen Ehe. Also was bleibt übrig? Der Korruptionsvorwurf. Jeder soll in seinem eigenen Haus kehren…

 

 

Großes internationales Aufsehen erregte die von der Regierung eingeleitete Familienreform.

Kernthese: Wir brauchen keine Zuwanderer, sondern starke kinderreiche Familien.

Selbst diese Aktion wurde im Ausland kritisch kommentiert. Erklären Sie uns bitte, worum es bei dieser Familienreform geht und ob es bereits Erfolge gibt?

 

Es sind nicht nur die ungarischen Familien, die die Vorteile und Innovationen der ungarischen Familienpolitik anerkennen. Auch Länder auf der ganzen Welt erkennen Ungarn als führend in diesem Bereich an. Über sichtbare Ergebnisse zu sprechen, ist noch etwas früh. Eines ist sicher. Wir tun wenigstens für die Familien etwas. Und das ist populär. Eine Regierung kann sicherlich nicht dazu beitragen, dass mehr Kinder auf die Welt kommen. Was eine Regierung machen kann, ist, solche Rahmenbedingungen zu schaffen, die es erleichtern, zusätzliche Kinder zu bekommen. Was wir erreichen wollen, ist, dass ein zusätzliches Kind zu bekommen für ein Ehepaar nicht als Nach- sondern als Vorteil empfunden und bewertet wird. Kein Hindernis, sondern ein Schritt vorwärts. Einige Maßnahmen aus dem Familienpaket: Erstens werden Frauen, die mindestens vier Kinder großgezogen haben, ihr Leben lang von der Einkommensteuer (ESt) befreit, und zweitens haben jetzt auch Großeltern Anspruch auf subventionierten Elternurlaub. Die neue Familienpolitik, die am 1. Juli 2019 in Kraft trat, umfasst Maßnahmen wie Kredite für Familien, die ein Kind erwarten, eine Beihilfe für den Autokauf und ein erweitertes Darlehensprogramm zur Unterstützung des Eigenheimkaufs. Ungarn möchte mit dem Aktionsplan zum Schutz der Familie zeigen, dass eine Wende der negativen demografischen Entwicklung möglich ist. Manche Länder glauben an Migration als Lösung, wir glauben an die innovative und smarte Familienpolitik. Mit sinkenden Geburtenraten sind auch andere Staaten konfrontiert- wie schon erwähnt, manche setzen auf Zuwanderung, Ungarn setzt auf eine Stärkung der Familienpolitik. Das ist zugegeben riskant und sehr kostspielig für den Staat. Wir haben bereits mehr als 4% des BIP für Unterstützung der Familien ausgegeben. Kein einziges EU Mitglied ist soweit gekommen. Aber wir haben uns entschieden, unsere demografischen Probleme selbst zu lösen und nicht mit Hilfe einer Einwanderung.

 

 

Ungarn scheint die Covid-19 Pandemie relativ gut eingebremst zu haben. Ministerpräsident Orbán wurde allerdings wieder einmal hart kritisiert, weil er sich durch Ausschaltung des Parlaments für unbegrenzte Zeit, eine Vollmacht aneignete, die in westlichen Kreisen den Verdacht erweckte, nun strebe er quasi die Abschaffung der Demokratie an, um im Land eine Diktatur zu etablieren. Warum dieser innenpolitische Schachzug?

 

Das alles ist von Anfang an eine Scheindebatte, eine Art Desinformationskampage. Obwohl der Verlust vieler hunderter unserer erkrankten Mitbürger tragisch ist, kann man im europäischen Vergleich die durch die ungarische Bevölkerung und die Regierung gemeinsam getragenen Maßnahmen sowohl als effektiv als auch als angemessen bezeichnen. Trotzdem sah sich die Regierung Ungarns in Europa im Kreuzfeuer beispielloser Attacken.  Ich gehe davon aus, dass die Missdeutung der Lage Ungarns nicht mit Absicht geschah, sondern auf mangelhafter und einseitiger Information basierte. Den Kritikern gefällt das ungarische Demokratiemodell nicht, sie wollen nicht akzeptieren, dass Orbán eine Zweidrittel-Mehrheit hat. Viktor Orbán ist auf jeden Fall ein Veteran; es gibt kaum einen Spitzenpolitiker auf europäischer Bühne, der länger dabei ist. Und noch wichtiger: Fast niemand wurde drei Mal mit so großer Mehrheit gewählt. Das macht einen Politiker stark. Mein Eindruck ist, dass Orban in Westeuropa oft falsch verstanden wird. Es ist wichtig zu verstehen, dass die ehemaligen kommunistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa in vielen Bereichen anders denken. Man muss den Gesetzestext zur Notsituation/ Gefahrenlage schon genau lesen, das haben nur nicht viele gemacht. Immerhin hat die EU-Kommission festgestellt, dass die Corona-Gesetze nicht gegen EU-Recht verstoßen. Außerdem hat die ungarische Regierung mittlerweile die Aufhebung der Sondervollmachten eingeleitet.  Ein entsprechendes Gesetz ist bereits verabschiedet, die Gefahrensituation und die Sondervollmachten der Regierung gehen am 20. Juni zu Ende. Das war also wieder ein Lärm um Nichts.

 

 

 

Wie steht es in Ungarn mit der Meinungs- und Pressefreiheit? Tatsächlich gibt es im Land nach wie vor oppositionelle Medien, die aber angeblich von staatlichen Unternehmen keine Werbeeinschaltungen bekommen. Stimmt das?

 

Wenn es keine Meinungs- und Pressefreiheit gäbe, würden ganz viele Zeitungen in Ungarn nicht existieren. Für Werbeeinschaltungen gilt das Werberecht, da kann und will die Regierung nicht eingreifen. Man sieht an der gestellten Frage, es entstand auch in diesem Bereich ein falsches Bild. Ich würde allen, die sich Sorgen um die Presse- und Meinungsfreiheit in Ungarn machen, raten, sich selber ein Bild zu machen. Sie werden überrascht sein! Es ist alles in Ordnung, dieses irreführende Bild zeigt gar nicht die Wahrheit, die Pressefreiheit ist gewährleistet in Ungarn. Rechtsstaatlichkeit ist in Ungarn eine Ehrensache, keine rechtliche Frage. Dazu gehört auch die Meinungs- und Pressefreiheit.

 

 

Ein für das Land und des Gesundheitswesens belastendes Phänomen ist die Abwanderung von vielfach hoch qualifizierten Ärzte ins Ausland. Hauptgrund sind die höheren Löhne in den westlichen Ländern. Welche Maßnahmen ergreift die Regierung, um diesen Fachkräfteabfluss

einzudämmen, und das beschämende und die Patienten belastende so genannte „Dank- oder Handgeld“ für den Arzt (wenn man gut behandelt werden will), abzuschaffen?

 

Seit Beginn der 90‘er Jahre hat fast jede ungarische Regierung die Reform des Gesundheitssystems versprochen – was aber bisher leider nicht gelungen ist. Die Orbán-Regierung arbeitet seit Jahren hart daran, das Gesundheitssystem zu reformieren. Dieser Sektor steht aber weltweit vor Herausforderungen, es ist eine sehr schwierige, komplexe Aufgabe. Im Dezember letztes Jahres wurde eine Regierungsentscheidung über die vollständige Umgestaltung des Finanzierungssystems und der Versorgungsstruktur des Gesundheitswesens veröffentlicht. Das Gesundheitssystem muss reformiert werden, daran ist nichts zu leugnen. Der Schutz der Gesundheit der Ungarn hat absolute Priorität auch für die Regierung. Die Corona Krise hat Vieles umgeschrieben, aber man muss schon sagen, dass sich das Gesundheitssystem in dieser kritischen Situation ausgezeichnet unter Beweis gestellt hat. Wir haben hervorragende Ärzte, wir müssen sie unbedingt unterstützen und Ihre Arbeit gerecht belohnen, die Arbeitsbedingungen noch mehr verbessern, damit sie bei uns bleiben wollen.

 

Ungarn kann in den letzten Jahren einen gewissen wirtschaftlichen Aufstieg verbuchen.

Wieweit ist dieser gefährdet durch die auch in Ungarn notwendig gewordenen Pandemie-Maßnahmen. Ungarn lebt auch von Tourismus. Sind  Rückschläge zu befürchten?

 

Das BIP-Wachstum hat 2018 in Ungarn 5% leicht überschritten und auch im letzten Jahr blieb es nur kaum unter 5 Prozent. Wegen der Epidemie rechnen wir dieses Jahr mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums, aber ähnlich wie in Österreich, wurde in Ungarn ein starkes Hilfspaket für die Wirtschaft beschlossen und wie von dem wirtschaftlichen Aufstieg die vergangenen Jahre, so werden die ungarische und darunter die in Ungarn ansässigen Österreichischen Unternehmen von dem Hilfspaket profitieren. Ungarn ist reich an Sehenswürdigkeiten und der Plattensee, Budapest, Hortobágy, oder Europas größte Sandwüste in dem Kiskunság Nationalpark freut sich sehr auf die Österreichische Touristen.

In Ungarn spielt der Binnentourismus prinzipiell größere Rolle als in Österreich. Wir gehen davon aus, des der Binnentourismus heuer sogar einen größeren Umsatz generieren wird, als letztes Jahr. So kann ein Teil von den ausgefallenen internationalen Einnahmen kompensiert werden. Die Krise bringt aber Chancen auch im Tourismus mit sich. Ungarn und Österreich hatten immer intensive Tourismusbeziehungen gehabt. Es gibt  aber immer noch viel Luft nach oben, diese zu vertiefen. Die Akzente der Beziehungen werden sich eher in Richtung der professionellen Kooperation verschieben und dadurch aufgewertet werden. Darüber bin ich mir sicher.

Aufgrund des in den vergangenen Monaten häufig verkündeten Credos wird sich in Zukunft ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein etablieren.

Werte wie Regionalität, Nachhaltigkeit und Authentizität werden eine neue Gewichtung erhalten. Entsprechend des The Travel & Tourism Competitiveness Index des Weltwirtschaftsforums (WEF) haben nicht nur Ungarn, sondern auch sämtliche mitteleuropäischen Länder - man könnte auch sagen, die Länder der Donauregion - eine hervorragende Bewertung in den Bereichen Hygiene, Sicherheit und Nachhaltigkeit erhalten. Es lohnt sich, auf diesen Stärken eine gemeinsame Produktentwicklung aufzubauen und die Marketingaktivitäten dazu anzupassen.

 

 

Im Zusammenhang mit der Verkaufspraxis der in Ungarn tätigen ausländischen Supermärkten tauchte kürzlich der Verdacht auf, diese Unternehmen würden den ungarischen Markt mit zweitklassiger Ware beliefern. Stimmt das, und wenn es stimmt, wurde diese demütigende, betrügerische Praxis abgestellt?

 

Das Problem, nachdem Sie fragen, hat mehrere EU-Mitgliedstaaten betroffen. Dieses Problem hat sich der ehemalige Präsident der EU in seiner Rede zur Lage der Union im 2017 angenommen. Auch die Kommission hat im September 2017 Leitlinien für die Anwendung des EU-Lebensmittel- und -Verbraucherschutzrechts auf Produkte von zweierlei Qualität veröffentlicht. Es wäre zu begrüßen, wenn dies durch alle Supermärkte in Europa eingehalten würden.

 

 

Kommen wir zu dem Thema Religion. Ungarn soll auch weiterhin - so Orbán - wie von der Staatsgründung an bis heute, auch weiterhin ein christlich gekennzeichnetes Land bleiben.

Auch deswegen wird etwa islamistische Zuwanderung abgelehnt. In diesem Zeichen fand erst kürzlich ein großer, von der westlichen Presse kaum zu Kenntnis genommener, Religionskongress in Budapest statt. Worum ging es dabei?

 

Wir sind nicht gegen Islam, ich würde es anders formulieren: wir treten für Christen ein! Wir sind nicht gegen etwas, sondern für etwas. „Die Traditionen und die Gesellschaft Ungarns, ja seine gesamte nationale Identität, basieren auf christlichen sozialen Werten und Ethik, die auch mit dem römischen Recht und der griechischen Philosophie in Einklang stehen. Wenn wir von jenen kritisiert werden, die sich strikt an den Säkularismus halten, antworten wir, dass in Ungarn Staat und Kirche zwar getrennt, aber keine Gegner füreinander sind – die Zusammenarbeit im sozialen Bereich ist sehr stark. Leider sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass das Christentum die am stärksten verfolgte Religion der Welt ist, während zugleich die Migrationswelle im Jahr 2015 humanitäre Katastrophen aus Konfliktgebieten unserer Region nähergebracht hat. Die ungarische Regierung hat beschlossen, nicht nur ihre eigenen Sicherheitsvorstellungen und ihre europäischen Verpflichtungen im Auge zu behalten, sondern auch Hilfe bei der Wiederherstellung der Stabilität der Herkunftsländer der Auswanderer zu leisten. Das Staatssekretariat und das Programm für christliche Hilfe wurden ins Leben gerufen, weil Christen einerseits eine der am stärksten gefährdeten Gemeinschaften im Nahen Osten und in der Sahelzone sind und andererseits, weil wir glauben, dass die westliche Welt mit christlichen kulturellen Wurzeln eine wichtige moralische Verpflichtung hat, für verfolgte Christen zu sorgen. Wir möchten dafür ein Beispiel sein. Wir möchten Probleme lokal lösen und sie nicht nach Europa importieren.

 

2016 hat die ungarische Regierung ein Staatssekretariat mit dem Auftrag eingerichtet, den verfolgten Christen zu Hilfe zu kommen. Die Begründung dieser weltweit einmaligen Maßnahme erklärt sich hauptsächlich durch zwei Faktoren: erstens die Schaffung einer Strategie des Hilfeeinsatzes dort, wo der Bedarf besteht, und zweitens die Umsetzung des vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán neudefinierten Begriffs der christlichen Demokratie. 2017 startete die Regierung das Programm Hungary Helps, um die Hilfe der ungarischen Regierung in drei Hauptbereichen umsetzen: humanitäre Hilfe, Migration, Religionsfreiheit. Mit Hilfe der Agentur wurde diese Konferenz für verfolgten Christen veranstaltet. Die Mission des Programms ist den Völkermord, der die Christen und andere religiöse, ethnische Minderheiten betrifft, aufzudecken. Heute sind mehr als 50 Prozent der aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminierten, also 245 Millionen Menschen, Christen. Dies ist eine der am meisten zum Schweigen gebrachten Tragödien des 21. Jahrhunderts. Laut Umfragen von Open Doors wurden 2018 mehr als 4.100 Christen wegen ihres Glaubens getötet. Ungarn versucht, die Stimme der Verfolgung von verfolgten Christen und anderen Religionsgemeinschaften in verschiedenen diplomatischen Foren und vor der internationalen Öffentlichkeit zu stärken. Unsere Mission ist es, eine Antwort und eine Lösung für die stillste Krise der Menschenrechte und der Zivilisation unserer Zeit zu finden, das tragische internationale Phänomen der Christenverfolgung, und gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Notwendigkeit entschlossener und dringender Maßnahmen zu lenken. Das Hauptziel der Konferenz war die Schaffung einer engeren Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen und anderen Gebern auf der ganzen Welt, die durch die Koordinierung von Ressourcen und Aktivitäten und gemeinsame Maßnahmen vor dem Leben und der Ausweitung der religiösen Verfolgung in Krisengebieten schützen kann. Wir glauben daran, dass dort geholfen werden soll, wo das Problem entsteht. Wir helfen Menschen in Not direkt in ihren Heimatländern.

 

 

Die Beziehungen zwischen den diversen Konfessionen und der Regierung sind

offenbar weitgehend Friktionsfrei. Wenig bekannt ist, dass sich Ungarn, aber auch Orbán persönlich und seine Regierung, in aller Welt besonders stark für die verfolgten Christen einsetzen. Was diese lobend registrieren. Können Sie uns einige Beispiele dafür nennen?

 

„Wir geben verfolgten Christen das, was sie brauchen: Häuser, Krankenhäuser und Schulen, und wir erhalten im Gegenzug das, was Europa am dringendsten braucht: einen christlichen Glauben, Liebe und Ausdauer.“

Der Bau einer vom ungarischen Staat finanzierten Schule in Irak-Kurdistan hat letztes Jahr begonnen. „Wenn man die Gesellschaft verändern will, muss man mit den Schulen beginnen.“ – wie der, syrisch-orthodoxer Erzbischof von Mosul, Nikodemes Dawood Sharaf es gesagt hat. Religiöse Führer sind verpflichtet, Christen in ihrer Heimat zu halten, sagte der Erzbischof. Die Menschen müssen ermutigt werden, in ihrer Heimat zu bleiben, denn „es ist eine wichtige Botschaft für alle Christen“, füge er hinzu.

Im Rahmen des Ungarn-Hilfsprogramms unterstützt die Regierung Dr. Richard Opi, Augenarzt am Mbuji Mayi im Süden der Demokratischen Republik Kongo. Die in Ungarn gegründete Einrichtung versorgt jährlich 25.000 Patienten als einzige derartige spezialisierte Einrichtung in einer Provinz mit 8 Millionen Einwohnern. Die Spende von Ungarn ermöglicht dem Zentrum eine stabile und umweltfreundliche Energieversorgung, die für Interventionen unerlässlich ist. Die Entwicklung der Bildungseinrichtung und des Waisenhauses des College Othniel in Munganga, die von der Stiftung für Internationale Entwicklung und humanitäre Organisation Afrikas betrieben wird, wird ebenfalls von der ungarischen Regierung finanziert und umfasst die Einrichtung von Workshops und Fachklassen sowie neue Berufsbildungsprogramme. Das Projekt zielt darauf ab, die Lebensbedingungen der Menschen im Slum Munganga in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, mit rund 12 Millionen Einwohnern zu verbessern. Das Grundprinzip des Hilfsprogramms für Ungarn besteht darin, dass Hilfe dorthin gebracht werden sollte, wo das Problem liegt.

Die größte christliche Stadtkathedrale des Irak wird 2020 wieder aufgebaut mit Hilfe der ungarischen Regierung. Auch der Wiederaufbau der irakischen Stadt Karakosh / Bakhdida wird möglich sein durch ein Kooperationsabkommen zwischen der ungarischen Regierung und USAID. Eine der bedeutendsten christlichen Siedlungen im Nordirak wurde 2014 von ISIS besetzt und zerstört. Nach der Befreiung der Stadt im Jahr 2016 mussten 2.100 ausgebrannte und unbewohnbare Wohnungen renoviert werden, von denen bisher 818 fertiggestellt und 33 vollständig abgerissene Häuser wiederaufgebaut wurden. Neben mehreren internationalen Organisationen spielt die ungarische Regierung auch eine herausragende Rolle bei der Finanzierung der Arbeiten.

Das Erdbeben in 2019 im Nordwest-Tirana forderte bekanntlich mehr als 50 Todesopfer. Mehr als 900 Familien mussten ihre Häuser verlassen, die meisten von ihnen vorübergehend in Hotels und verschiedenen öffentlichen Einrichtungen leben. Die albanische Regierung hat in zwei Landkreisen, Tirana und Durres, den Katastrophenzustand ausgerufen und internationale Hilfe gefordert. In der ersten Notfallphase hilft die Hilfsorganisation Familien mit persönlichen Hygieneartikeln, Matratzen, Betten, Bettzeug, Reinigungsmitteln und Kleidung, deren persönliche Gegenstände in ihrem zusammengebrochenen Haus geblieben sind. In der ersten Phase beschloss die Hilfsorganisation, 3.000 EUR aus eigenen Mitteln bereitzustellen, die von der Hungary Helps Agentur im Rahmen der Partnerschaft ergänzt werden, so dass der Anfangswert der Hilfe 2 Mio. HUF übersteigt. Nach der Ambulanzphase beabsichtigen die Ökumenische Hilfsorganisation und die Hungary Helps Agentur, im Rahmen der zwischen ihnen 2019 geschlossenen strategischen Vereinbarung gemeinsam an weiteren Rehabilitationsarbeiten teilzunehmen.

 

 

Herr Botschafter, wir danken für das Gespräch.

Ich danke Ihnen auch!

 

Schermann Rudolf